Oracle gehört aktuell zu den aggressivsten AI-Infrastruktur-Geschichten am US-Aktienmarkt. Der Konzern ist längst nicht mehr nur der klassische Datenbank- und Enterprise-Softwareanbieter, als der er über Jahrzehnte wahrgenommen wurde. Das Unternehmen entwickelt sich zunehmend zu einem offensiven AI-Cloud-Infrastruktur-Player, der massiv in Rechenzentren, Cloud-Kapazitäten und langfristige Kundenverträge investiert. Aus meiner Perspektive ist genau diese Veränderung entscheidend: Oracle wird vom Markt nicht mehr nur nach stabilen Softwareumsätzen bewertet, sondern immer stärker nach der Frage, ob der Konzern die neue AI-Nachfrage profitabel und bilanziell sauber in Wachstum übersetzen kann.
Vor diesem fundamentalen Hintergrund wird das technische Bild besonders spannend. Die Oracle-Aktie handelte zuletzt unter der Value Area Low des aktuellen Jahres und sogar unter der Value Area Low des vorherigen Jahres. Zusätzlich wurde die Aufwärtstrendlinie unterschritten, die zwar nicht allein den Trend definiert, aber für Stop-Runs und Liquiditätsfallen eine wichtige Rolle spielt. Besonders auffällig war der dynamische Spike unter die Tiefs aus März 2026 im Bereich unter 137 USD sowie unter das April-Tief 2025, das damals durch die Zollvolatilität geprägt war. Der Markt hat dort zahlreiche Stops abgefischt – und wurde direkt danach wieder gekauft.

Genau diese Struktur macht Oracle technisch interessant. Wenn ein Markt mehrere offensichtliche Tiefs unterschreitet, Short-Positionen anzieht, Stops auslöst und anschließend sofort zurückgekauft wird, entsteht häufig eine Trapped-Sellers-Situation. Marktteilnehmer, die den Bruch nach unten gehandelt haben, geraten dann in Schieflage und müssen sich bei steigenden Kursen wieder eindecken. Das kann einen neuen Impuls verstärken. So ordne ich das aktuell ein: Die Aktie hat bereits eine Marktbereinigung auf der Unterseite gesehen. Damit entsteht zumindest die Chance, dass Oracle wieder in die mittelfristige Schwankungsbreite des aktuellen Jahres zurückläuft. Die zentrale Spanne liegt nun zwischen der Value Area Low um 136 USD und der Value Area High um 187 USD. Sollte Oracle die Rückkehr in diese Value-Struktur bestätigen, wäre ein Anlauf in Richtung 187 USD und später sogar 200 USD denkbar.

Untergeordnet wären Rückläufe in Richtung 140 bis 137 USD interessant, im tieferen Szenario sogar noch einmal bis rund 130 USD. Diese Korrektur muss aber nicht zwingend kommen, weil der Stop-Run bereits eine erste Bereinigung ausgelöst hat. Für kurzfristige Trader wäre ein Rücklauf auf dem Stundenchart die sauberere Variante. Mittelfristig bleibt Oracle nach dieser Liquiditätsfalle jedoch hochspannend.
Die Zahlen zeigen zunächst eine beeindruckende Dynamik. Der Umsatz wächst um rund 17 % auf etwa 67 Milliarden USD, während der Cloud-Umsatz um etwa 39 % auf rund 34 Milliarden USD steigt. Noch auffälliger ist das Cloud-Geschäft, das in Teilen um 77 % zulegen kann. Dazu kommt ein außergewöhnlich hoher Auftragsbestand von rund 638 Milliarden USD. Das ist auf der einen Seite enorme Umsatzvisibilität, auf der anderen Seite aber auch eine Verpflichtung, diese Nachfrage infrastrukturell überhaupt bedienen zu können. Genau deshalb handelt der Markt nicht nur Wachstum, sondern zunehmend auch die Finanzierungsqualität dieses Wachstums.
Die aggressive Expansion hat ihren Preis. Oracle investiert enorme Summen in neue Rechenzentren, langfristige Kapazitäten und Infrastruktur, wodurch der freie Cashflow deutlich negativ ausfällt. Der operative Cashflow liegt zwar bei rund 32 Milliarden USD, der freie Cashflow aber bei etwa minus 23,7 Milliarden USD. Das ist der zentrale Spannungsbogen der Aktie: Wachstum ist vorhanden, Nachfrage ist vorhanden, aber die Kapitalintensität steigt massiv. Meiner Meinung nach muss Oracle jetzt nicht mehr beweisen, dass AI-Nachfrage existiert. Der Konzern muss beweisen, dass dieses Wachstum profitabel, finanzierbar und bilanziell nachhaltig umgesetzt werden kann.
Ein weiterer Punkt ist die hohe Kundenkonzentration. Ein großer Teil des Auftragsbestands hängt an OpenAI, was die Story kurzfristig attraktiver, aber gleichzeitig anfälliger macht. Hohe Abhängigkeit von einem zentralen Kunden kann die Umsatzvisibilität erhöhen, schafft aber auch ein relevantes Konzentrationsrisiko. Sollte sich Nachfrage, Zahlungsfähigkeit, Vertragsstruktur oder strategische Ausrichtung eines Großkunden verändern, kann der Markt diese Abhängigkeit schnell neu bewerten. Genau darin liegt die Ambivalenz: Oracle sitzt mitten in einer der spannendsten AI-Infrastrukturgeschichten, trägt aber gleichzeitig ein deutlich höheres Bilanz- und Ausführungsrisiko als in der alten Datenbankwelt.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Dennis Gürtler.
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